Vortrag Prof. Dr. Claudia Kemfert am 26.02.2019

Originaltext Onetz: Kemfert referiert auf Einladung der Bürgerinitiative „NEW/WEN gegen die Monstertrasse“ vor einem vollen Saal in der Stadthalle. Sie leitet die Abteilung Energie, Verkehr, Umwelt am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin und ist Professorin für Energieökonomie und Nachhaltigkeit an der Hertie School of Governance. Seit 2016 gehört sie dem Sachverständigenrat für Umweltfragen (SRU) an.

Deutschland kein Vorbild

Die Wissenschaftlerin stößt eine Ikone vom Sockel, nämlich den Glauben an ein Deutschland als Vorbild in Sachen Klimaschutz. Deutschland gehöre vielmehr zum oberen Drittel derjenigen Länder weltweit, die den Klimawandel befeuerten, sagt sie. Das Land werde bis 2020 die ursprünglich angepeilten Klimaziele nicht erfüllen, das sei inzwischen bekannt; weniger bekannt sei der Umstand, dass Deutschland im europäischen Vergleich auch die Ziele zum Ausbau der Erneuerbaren Energien nicht erfülle. Deutschland als Vorbild? Den Worten Kemferts zufolge weit gefehlt. Das Land sei Weltmeister im Setzen von Zielen, scheitere aber deutlich beim Erreichen derselben.

Kemfert bricht eine Lanze für dezentrale Lösungen als Alternative zu Trassen wie dem Süd-Ost-Link, wobei sie immer wieder kopfschüttelnd bayerische Besonderheiten wie die 10H-Regelung kritisiert, derzufolge Windkraftanlagen in Bayern einen Mindestabstand vom Zehnfachen ihrer Höhe zu Wohngebäuden einhalten müssen. Sie würde sich wünschen, diese Regelung falle möglichst bald, sagt sie unter Applaus.

Ein Industrieland wie Deutschland könne sich nicht allein auf Strom aus Erneuerbaren Energien verlassen, das bekomme sie immer wieder zu hören, sagt Kemfert. Und sie widerspricht: „Doch, das geht.“ Technisch sei das keinerlei Problem mehr, “keinerlei Hexenwerk”, nur Politik und Gesellschaft müssten das auch umsetzen wollen. Es gebe inzwischen eine breite Palette an technischen Lösungen und die Erneuerbaren Energien würden zunehmend billiger und wettbewerbsfähiger. Dasselbe gelte für die notwendigen Speicherlösungen.

Fossile Energie besteuern

Kemfert fordert eine stärkere Besteuerung der Nutzung fossiler Energie und wiederholt mehrfach, dass der Wandel umso abrupter komme, je länger mit dem Umstieg gewartet werde. Dennoch schließt sie ihre Ausführungen mit der Bitte, nicht in Angst zu verfallen, denn die Änderungen bärgen große Chancen. Schon jetzt seien etwa 2,5 Millionen Menschen in der Umweltbranche beschäftigt, knapp dreimal so viele wie in der Autoindustrie, und die Zahl sei steigend.

Ist der Zug abgefahren?

Länger als Kemfert gesprochen hat, wird anschließend diskutiert. Der Fraktionssprecher der Grünen im Weidener Stadtrat, Karl Bärnklau, etwa fragt, ob der Zug schon abgefahren sei, was die dezentralen Lösungen angehe. Kemfert antwortet, das sei keineswegs so, aber wenn „Sie´s weiter behindern, wird´s immer schwieriger; offensichtlich ist da auch eine politische Motivation dahinter“. Eine Aussage, die heftigen Applaus auslöst. Mit den Behinderern ist die Staatsregierung gemeint, nicht der Weidener Grünen-Stadtrat.

Kemfert macht im Verlauf der Diskussion deutlich, dass es auch um die Frage geht: Leitungen oder Speicher? Je mehr Leitungen gebaut würden, umso geringer sei das Interesse an Investitionen in Speicherlösungen. Kemferts Ausführungen gipfeln in der Aussage, es sei wissenschaftlich nicht bewiesen, dass der Süd-Ost-Link notwendig sei. Und die Professorin versichert, es könnten „schon heute“ alle Atomkraftwerke abgeschaltet werden, „ohne dass die Lichter ausgehen“. Jeder Bürger, jedes Industrieunternehmen habe die Möglichkeit, Energie zu sparen, das Thema eigne sich nur nicht fürs Bierzelt.

Karl Meier bedankt sich bei Frau Prof. Dr. Claudia Kemfert

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